Poesiefestival Berlin 2026

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Dante trifft auf einen Heavy Metal-Schriftzug, ein Glätteisen schwebt über Monstern aus südamerikanischen Schöpfungsmythen und die Meeresgöttin Leukothea erscheint vor einem Schmetterling, den ein Geweih rahmt – was geschieht hier?

Die Festivalmotive des diesjährigen Poesiefestival Berlin folgen einer poetischen Logik der Überlagerung: Antike Figuren treten neben popkulturelle Zeichen, mythische Körper spiegeln sich in zeitgenössischen Formen, Bedeutungen verschieben sich, vervielfachen sich, widersprechen sich. Es entsteht ein Bildfeld, in dem verschiedene Zeiten, Wissensordnungen und ästhetische Register gleichzeitig präsent sind.

Im Zentrum des diesjährigen Programms stehen drei große thematische Schwerpunkte, die sich über das Festival hinweg entfalten und denen zudem drei Abende explizit gewidmet sind: Mythos, Trauer und ein kritisches Ent-Schreiben eines zumeist weiß und männlich geprägten europäischen Literatur-„Kanons“.

Alle drei Schwerpunkte verbindet, dass sie Repräsentationssysteme produktiv stören, Machtverhältnisse sichtbar machen und aus Auseinandersetzung und Reibung heraus neue Formen poetischen Sprechens finden. Sie ziehen sich durch das Gesamtprogramm des Poesiefestivals Berlin 2026, das vom 15. Mai bis zum 14. Juni stattfindet.

Vom 15. bis 31. Mai bietet das dezentrale Festivalprogramm im gesamten Stadtraum eine Vielzahl unterschiedlicher Formate, darunter Filmscreenings, Buchpremieren, poetische Interventionen in Ausstellungen sowie poetische Spaziergänge. Veranstaltungen finden an zwölf Orten statt, unter anderem in der daadgalerie, im PalaisPopulaire, im Museum für Naturkunde, im Silent Rixdorf sowie im Kotti-Shop.

Ein besonderer Höhepunkt ist bereits Pfingstsonntag, der 24. Mai: Ein Weltstar der Dichtung, die kanadische Dichterin Anne Carson, liest zum ersten Mal seit fast 20 Jahren wieder live in Berlin, in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Ihr Werk ist in besonderer Weise mit den diesjährigen Festivalthemen verbunden, da sich bei ihr Mythos, Trauer und die Auseinandersetzung mit kanonischen Traditionen immer wieder überschneiden. In Bezug auf ihr jüngstes Buch Wrong Norma schreibt sie:

Wrong Norma is a collection of writings about different things, like Joseph Conrad, Guantanamo, Flaubert, snow, poverty, Roget's Thesaurus, my Dad, Saturday night, Sokrates, writing sonnets, forensics, encounters with lovers, the word ‘idea’, the feet of Jesus, and Russian thugs. The pieces are not linked. That's why I've called them ‘wrong’.”

Ab dem 2. Juni konzentriert sich das Festival im silent green in Berlin-Wedding, wo neben großen thematischen Abenden zahlreiche weitere Lesungen und Gespräche, Weltklang – Nacht der Poesie mit sieben internationalen Dichter:innen sowie die Berliner Rede zur Poesie stattfinden, die in diesem Jahr von der belarusischen Dichterin Valzhyna Mort gehalten wird. Zudem bietet das Festival an gleich zwei Wochenenden (6./7./13. Juni) kostenlose Lesungen von mehr als 50 Dichter:innen auf der Wiese des silent green.

In den thematischen Festivalabenden widmen sich bei Writing Myth (Di, 9.6.) zunächst vier Dichter:innen Mythen als lebendigen Erzählformen. Gerade die ältesten Mythen, über Jahrhunderte mündlich überliefert, waren stets von Wandel und Variation geprägt. In den Gedichten dieses Abends erscheinen mythische Figuren in neuen Kontexten, Geschichten werden weitergeschrieben, verschoben oder neu befragt, wo zeitgemäße Fortschreibungen bislang fehlten.

Re-Writing a Canon (Mi, 10.6.) rückt einen zumeist weiß und männlich geprägten „Kanon“ europäischer Literatur selbst ins Zentrum der Auseinandersetzung. Bewusst subversive Umschreibungen, Verschiebungen und Aneignungen zeigen: Dieser vermeintliche Kanon ist eben keine abgeschlossene Größe, sondern ein historisch gewachsenes Gefüge, aus dem eine heutige Bedeutung nur aus einer ständigen kritischen Befragung erwachsen kann.

Bei Writing Grief (Do, 11.6.) fragen Texte und Dichter:innen danach, wie sich Verlust in Sprache und Körper einschreibt und was poetisches Sprechen leisten kann, wenn Trauer gewohnte Ordnungen auflöst. Wie (weiter-)schreiben, wenn das Selbstverständliche brüchig wird? Welche neuen Sprachräume eröffnen sich gerade aus einer solchen tiefen Erschütterung heraus?

Der Early-Bird-Vorverkauf mit einem begrenzten Kartenkontingent für ausgewählte Veranstaltungen hat bereits begonnen, während der reguläre Vorverkauf für das gesamte Festival im April 2026 startet.