zaesur.poesiekritik
Veranstaltungen zum Nachhören und Rezensionen
zæsur. poesiekritik ist eine frei zugängliche digitale Zeitschrift für das kritische Nachdenken über die vielfältigen Erscheinungsformen von Poesie. International orientiert und multimedial diskutiert zæsur. poesiekritik neuere und ältere Lyrikveröffentlichungen.
Die gemeinsamen Veranstaltungen des Haus für Poesie und zæsur. poesiekritik beschäftigen sich unter anderem mit Fragen wie: Wie wirkt Lyrik über die ihr ohnehin Zugeneigten hinaus in gesellschaftliche Bereiche wie Aktivismus, Care-Arbeit und Kreativindustrie hinein? Ist künstliche Intelligenz ein neues Werkzeug, ein überbewerteter Hype oder werden Maschinen gar Autor:innen und Übersetzer:innen ersetzen?
Außerdem findet ihr hier Kritiken zu Dichter:innen, die im Haus für Poesie auftraten sowieLesungen des Haus für Poesie.
24.07.2026
Von Skywriting zu Rewriting. Poesie (neu) lesen und hören beim Poesiefestival Berlin 2026
Veranstaltungskritik von Katrin Bernad
Mythos, Trauer und „ein kritisches Ent-Schreiben eines zumeist weiß und männlich geprägten europäischen Literatur-‚Kanons‘“ prägten einen wichtigen Strang des diesjährigen Poesiefestival Berlin. Das Programm mit mehr als vierzig Veranstaltungen, verteilte sich auf die bewährten Poets' Corners, das Festival in der Akademie der Künste und das Hauptfestival im Haus für Poesie und im silent green; hinzu kamen Orte wie das Naturkundemuseum, die Villa Oppenheim oder der Kotti-Shop. Besonders deutlich verdichteten sich diese Themen in einem Abend mit der kanadischen Dichterin Anne Carson, der zu den meistfrequentierten Veranstaltungen des Festivals gehörte.
„This is a lecture on skywriting. Mine. I am the sky.”
Mit diesem souveränsten aller Anfänge eröffnete Anne Carson ihren Text „Lecture on the History of Skywriting“ aus ihrem Band Wrong Norma (2024) in der AdK. Es war ihre erste Live-Begegnung mit dem deutschen Publikum seit fast zwanzig Jahren, an ihrer Seite ihre „collaborator-husband person“ Robert Currie. Die Erwartungen der rund 700 Besucherïnnen, darunter ein erkennbarer Teil der Lyrikszene, waren hoch. Umso unprätentiöser begann ihr Auftritt „Sorry about the waiting. We'll begin. Anyway […]“. Den Text hatte eigens für das Festival Marie Luise Knott, die prominente Autorin, Essayistin und Carson-Übersetzerin, ins Deutsche übertragen; zugleich moderierte sie den Abend. Im finsteren Saal, mit nur einem Lichtkegel auf Carson wird das Skywriting — eine seit 1922 kommerziell genutzte Technik, Rauchspuren-Schrift mit dem Flugzeug an den Himmel zu setzen — von einer Trivialform in einen Schöpfungsmythos des Schreibens überführt. Gleich zu Beginn stellt sich Carson in die Linie Virginia Woolfs: Wie sie führt auch der Himmel Tagebuch, damit das eigene Leben nicht „like a tap left running“ verrinnt, und begreift sich dabei mit Julia Kristeva als sujet en procès, als nie fertiges, vom Zeichensystem durchquertes Subjekt. [...]
20.01.2026
Was hilft mir das? Wie Lyrik und Lyrikkritik in Bereichen jenseits der Lyrikszene wirksam werden – mit Tom Meifert, Christine Vogt, Michael Hanemann, Kasia Wojcik und Asmus Trautsch
Lyrik ist nur schwer zu verwerten oder vor ideologische Karren zu spannen. Und doch ist gesellschaftliche Wirksamkeit über das einzelne Leseereignis hinaus vielen Dichter:innen ein Anliegen. Wenn Lyrik ins Sachbuchregal gehört, wie Monika Rinck sagt, kann man von ihr vielleicht etwas für bestimmte Sachfragen lernen. Wenn sie die Empathie schult, wie viele Bildungsprogramme behaupten, mag sie in sozialer Praxis nützlich sein. Als Seismograph kann sie Veränderungen für die Gesellschaft verhandelbar machen, bevor die Medien sie in ihre erregten Aufmerksamkeitsarenen spielen. Aber ist das wirklich so? Tom Meifert (Texter und Kreativdirektor), Christine Vogt (Regisseurin und Kulturwissenschaftlerin) und Kasia Wojcik (Performance-Künstlerin und Kuratorin) berichteten von konkreten Beispielen, wie Lyrik und oder ihre Kritik in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern bei Problemen und Herausforderungen aufschluss- und hilfreich waren – und wo gerade nicht. Asmus Trautsch moderierte die Veranstaltung.
18.11.2025
Künstliche Intelligenz und Lyrikkritik – mit Isabel Fargo Cole, Julia Dorsch, Simon Roloff und Hendrik Jackson
Über die Rolle von Künstlicher Intelligenz für die Literatur wird intensiv diskutiert: Ist sie ein neues Werkzeug, ein überbewerteter Hype oder werden Maschinen gar Autor:innen und Übersetzer:innen ersetzen? Die Frage nach der kritischen Diskussion und Deutung von Literatur durch KI ist dabei kaum gestellt worden, obwohl Large Language Models durchaus interessante Rezensionen und Interpretationen generieren können. Inwiefern verändern generative KIs die Position der Lyrikkritiker:innen? Können sie Hilfsmittel, Sparringspartner, Mischpult, Lupe sein? Oder führt ihr Gebrauch prinzipiell in die Irre? Der Literaturwissenschaftler Simon Roloff , die Sprachkünstlerin Julia Dorsch und die Autorin und Übersetzerin Isabel Fargo Cole haben mit dem Dichter und Mitgründer von zaesur. poesiekritik Hendrik Jackson über die Möglichkeiten und Grenzen von Künstlicher Intelligenz für die Literatur- und Lyrikkritik und die Kritik des KI-Hypes und der Macht der Tech-Industrie gesprochen. Das Publikum hat angeregt mitdiskutiert. Hendrik Jackson moderierte die Veranstaltung.