Long Lines, Long Days
Berliner Rede zur Poesie 2026 von Valzhyna Mort

Lesung
Poesiefestival Berlin 2026
Kuppelhalle, silent green
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Valzhyna Mort © Marco Giugliarelli for the Civitella Ranieri Foundation 2023

Die elfte Berliner Rede zur Poesie hält die Dichterin Valzhyna Mort (geboren 1981 in Minsk, Belarus). Sie lebt seit 2005 in den USA und schreibt auf Belarusisch und Englisch. Für ihren jüngsten Band Music for the Dead and Resurrected (Farrar, Straus & Giroux 2020), der in deutscher Übersetzung von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf unter dem Titel Musik für die Toten und Auferstandenen (Suhrkamp Verlag 2021) vorliegt, wurde sie mit einem der wichtigsten Preise für Poesie überhaupt, dem International Griffin Poetry Prize, ausgezeichnet.

Valzhyna Mort folgt ihren Vorredner:innen Oswald Egger (2016), John Burnside (2017), Elke Erb (2018), Sergio Raimondi (2019), Anne Carson (2020), Johannes Jansen (2021), Michèle Métail (2022), Kim Hyesoon (2023), Terrance Hayes (2024) und Claudia Rankine (2025).

Das Foto einer alten Frau mit einem Kind auf dem Arm, die vor den Überflutungen nach der Zerstörung des Kachowkaer Staudamms durch die russische Armee flüchtet, nennt Valzhyna Mort als Anlass für diesen Text, „ein Prosagedicht“, das sie vor drei Jahren, am 8. Juni 2023, während eines Aufenthaltsstipendiums in Umbrien, begann, dessen verdichtete Bildsprache jedoch in ihre Kindheit und weit darüber hinaus zurückweist: zur Großmutter Janja, die als Waisenkind den Zweiten Weltkrieg überlebte, und zur Urgroßmutter Jusefa, die jung starb, kurz nachdem das Gehöft, auf dem sie lebte, Alexandrowitschi, zwangsgeräumt wurde. Der grüne Hügel, an dessen Stelle Alexandrowitschi niedergebrannt wurde, ist von Padlyadze aus, dem Ort, in dem Mort ihre Kindheitssommer verbringt, zu sehen. Diese Horizontlinie von Padlyadze, damals ein ihr „Probehorizont, ein kinderkompatibles Ende der Welt“ wird für Mort zum Ausgangspunkt, zur ersten Zeile ihrer Gedichte und bis heute zum Maßstab ihres Schreibens: „Alles, was ich schrieb, maß ich an dieser von Jusefas rundem Gesicht gehaltenen Horizontlinie“. Unablässig spürt Mort in ihrem Text wiederkehrenden Mustern der Geschichte von Janja und Jusefa nach – erkennt sie im Foto der alten Frau mit dem Kind auf dem Arm, sieht die Blockhütte Jusefas in einem Gemälde Chagalls – und trägt sie weiter, in der Hoffnung, so das Unsichtbare sichtbar machen und die Erzählungen ihrer Großmutter im Text bewahren zu können.

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Long Lines, Long Days erscheint zur Veranstaltung auf Englisch und Deutsch (übersetzt von Katharina Narbutovič) im Wallstein Verlag (18,00 €). Deutschlandfunk Kultur sendet einen Mitschnitt der Rede.