Paons
Buchpremiere mit James Noël
James Noël, geboren 1978 in Hinche, Haiti, gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten poetischen Stimmen seines Landes. Er verfasste über zehn Bücher in kreolischer und französischer Sprache, darunter die Gedichtbände Poèmes à double tranchant (2005), Le sang visible du vitrier (2009) und Le pyromane adolescent (2013).
Auf Deutsch sind bislang nur zwei Veröffentlichungen erschienen, beide kongenial von Rike Bolte aus dem Französischen übertragen: Sein Roman Belle Merveille (2017) unter dem Titel Was für ein Wunder bei Litradukt 2020 – Roman und Übersetzung wurden mit dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt ausgezeichnet –, der das Erdbeben auf Haiti 2010 thematisiert, bei dem etwa zweihundertfünfzigtausend Menschen ums Leben kamen. Zudem erschien 2018 unter dem Titel Die größte Raubkatze / Le plus grand des felines (Litradukt 2018) eine erste Auswahl seiner Gedichte.
Nun hat Rike Bolte für das Poesiefestival Berlin einige Gedichte aus Noëls neuesten Band Paons (dt. Pfauen; Au Diable Vauvert 2026) ins Deutsche übertragen.
In diesem Band spielt die Stadt Port-au-Prince eine wichtige Rolle: „diese [...]von Kugeln tätowierte / (...) von Banden zerfressene / von Sternen-Totengräbern zersetzte Stadt“ – eine Stadt, so Noël in einer seiner Widmungen am Anfang des Bandes, die davon träume, sich selbst zu entfliehen. Auch der Autor selbst träumt von dieser Flucht, denn obwohl er weggezogen ist – Noël lebt schon seit einiger Zeit in Frankreich und Berlin –, lässt ihn seine Heimat nicht los. Gleichzeitig beschreibt er sein Heimatland als eines, das ihn verlassen habe, als ein „débordement de l’abondance en abandon“, also ein überfließender Überfluss an Verlassenheit. Solcherlei Gegensätze, die sich alles andere als ausschließen, finden sich vielfach in seinen Gedichten, genau wie eine immerwährende Bewegung, häufig getragen durch unreine Reime. Daraus entsteht die besondere Musikalität seiner Texte, die durch wiederkehrende Refrains vor allem direkt zu Beginn des Bandes spürbar wird, wie etwa in „Je suis une fille de Port-au-Prince“, „J’ai effacé mon nom“ und „Ville qui déménage“. Da überrascht nicht, dass Noël selbst Musiker ist und viele seiner Gedichte bereits vertont wurden. Im Mai erscheint sein Album En toute pyromanie, eine Adaption seines Bandes Le proromane adolescent.
Beim Lesen von Paons entsteht der Eindruck, Noël könnte bis ins Unerschöpfliche so weiterschreiben, trotz oder gerade aufgrund der Schwere seiner Themen. Gleichzeitig ist er stets in der Lage, Wunder aufzuspüren. So heißt es in seinem titelgebenden Gedicht „Paons“: „in dieser verfehlten, mit Patronenhülsen überhäuften Stadt / in der Pfauen lebendig verbrannt werden / und Schulkinder Kreide essen“. Gleich solch gefährdeten Wundertieren mit ihren vielen betörenden Augen sind die Gedichte James Noëls Zeugen dessen, was in einem Land der „Impasse beauté“ geschieht – einer Sackgasse nicht enden wollender Schönheit.
An diesem Abend liest James Noël Gedichte aus seinem neuen Band und wird von Cornelius Wüllenkemper zu seinem Schreiben befragt.
Die Veranstaltung wird französisch-deutsch gedolmetscht.
Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen
- James Noël
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Ort:
daadgalerie
Oranienstraße 161, 10969 Berlin
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Eintritt:
Eintritt frei