Versuche, in einem minenfreien Feld zu säen
Ein Abend mit Yaryna Chornohuz & Kateryna Kalytko. Mit Musik von Mykola Lebed

Lesung
Poesiefestival Berlin 2026
Kuppelhalle, silent green
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Yaryna Chornohuz © privat

Kateryna Kalytko © privat

Mykola Lebed © privat

Dieser Abend bringt zwei ukrainische Stimmen auf eine gemeinsame Bühne, deren Texte aus einer andauernden Gegenwart des Krieges heraus entstanden sind und die durch große Härte, Klarheit und Genauigkeit geprägt sind. Yaryna Chornohuz und Kateryna Kalytko eint bei aller individuellen Eigenständigkeit ihr ausgeprägter Humanismus, ihre Aufmerksamkeit für das Verletzliche, für das, was unter Brutalität und Gewalt zuerst verschwindet. Ihre Gedichte scheuen die Benennung des Schreckens im Detail nicht, halten aber zugleich an Nähe, Zärtlichkeit und der Würde des Einzelnen fest. Sprache soll und kann hier nicht trösten, sondern in widerständiger Genauigkeit tragen: über das, was aushaltbar erscheint, hinaus. Alle Gedichte werden mehrfach gelesen, auf Ukrainisch und Deutsch.

Yaryna Chornohuz ist Dichterin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Soldatin in den Streitkräften der Ukraine. Sie meldete sich bereits 2019 freiwillig als Sanitäterin, trat im folgenden Jahr den Marines bei und nahm seit Beginn der großangelegten russischen Invasion am 24. Februar 2022 an schweren Kämpfen zur Verteidigung der Ukraine teil. Ihr erster Gedichtband How the War Circle Bends erschien 2020. Viele der Gedichte entstanden während ihres Einsatzes an der Front. Der zweite Band Dasein: Defense of Presence wurde 2023 veröffentlicht und setzt ihre poetische Auseinandersetzung mit Krieg, Tod und Anwesenheit fort. 2024 erhielt sie den Taras-Schewtschenko-Nationalpreis für Literatur sowie den Women in Arts Prize in der Kategorie Women in Literature.

Chornohuz’ Gedichte bestehen auf der Benennung konkreter Erfahrung und verweigern zu große ästhetische Distanz. Schmerz ist hier Erkenntnisform und Bedingung von Wahrheit, so heißt es in einem Gedicht: „in this country everything lies / except pain“. Die Texte halten dabei stets an der Würde des einzelnen Lebens fest und arbeiten gegen ein Verschwinden im Abstrakten an. Auch dort, wo Zukunft aufscheint, ist sie gebunden an höchste Vorsicht: „I’ll try to plant a seed / in an unmined field“.

Kateryna Kalytko ist Dichterin, Romanautorin und Übersetzerin. Sie hat sechs Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht und ist Mitglied von PEN Ukraine. Ihre Gedichte sind in zahlreichen Anthologien der ukrainischen Literatur erschienen und wurden unter anderem ins Englische, Deutsche, Polnische, Hebräische und Armenische übersetzt. Kalytko überträgt bosnische, kroatische und serbische Literatur ins Ukrainische, darunter Werke von Adisa Bašić, Nenad Veličković und Miljenko Jergović. Für ihre Übersetzungen erhielt sie 2014 den Metaphora-Preis. Weitere Auszeichnungen sind der Taras-Schewtschenko-Nationalpreis sowie der Joseph-Conrad-Korzeniowski-Literaturpreis. Ihr Kurzgeschichtenband Land of the Lost, or Little Scary Tales wurde 2017 mit dem BBC Book of the Year Award ausgezeichnet.

Kalytkos Texte verbinden Genauigkeit mit erzählerischer Fülle, sie erkunden Formen des Weiterlebens in einer beschädigten Welt. Ihre Gedichte arbeiten mit narrativen Bewegungen, starken, oft schwer auszuhaltenden Bildern von großer Eigenständigkeit, aber auch mythologischen wie religiösen Resonanzen, etwa, wenn ein Vaterunser des Krieges entsteht: „Und vergib uns nichts, auch wenn du es wolltest – / weil auch wir nicht vergeben unseren Schuldigern, / wir stehen vor deinem Jüngsten Gericht / wie ABC-Schützen an der Tafel, / mit aufgeschlagenen Seelen (…)“. Gewalt und Verlust sind in diesen Texten tief in Körper und Sprache eingeschrieben. In einem Gedicht heißt es: „Narben wie Stickmuster auf lebendigem Leib“. Verletzung und Erinnerung scheinen untrennbar verbunden, immer wieder verschiebt sich das Alltägliche ins Bedrohliche: wenn „sich der Reißverschluss am Kleid öffnet, / ähnelt das Geräusch dem trockenen MG-Geknatter im Rücken.“

Gefördert durch: Ukrainisches Institut in Berlin