12.2.26
Do,
19:30

meine Feder ist leichter als die eines Kolibris
Poesie lesen von: Czesław Miłosz

Lesung
Gespräch
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Czesław Miłosz (geboren 1911 in Šeteniai, gestorben 2004 in Krakau) zählt neben Wisława Szymborska und Zbigniew Herbert zu den bedeutendsten polnischen Dichter:innen des 20. Jahrhunderts und wurde 1980 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Joseph Brodsky hielt ihn schlicht für den größten Dichter unserer Zeit, und für Seamus Heaney war er zugleich Orpheus und Teiresias, Dichter und Prophet. Miłosz überlebte zwei Diktaturen, die deutsche Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten und, nach dem Krieg, die stalinistische Diktatur, die sein Heimatland in einen totalitären Satellitenstaat der UdSSR verwandelte. Unter der Terrorherrschaft der Nazis war er im Untergrund tätig, unter den Kommunisten bekleidete er zunächst unterschiedliche Posten in diplomatischen Vertretungen, bevor er 1951 in Frankreich politisches Asyl erhielt. In seinem Buch The Captive Mind („Verführtes Denken“), das zwei Jahre später erschien, analysiert Miłosz die Anziehungskraft, die totalitäre Systeme ins-besondere auf Intellektuelle ausüben. Ab Anfang der 1960er Jahre wurde er Professor in Berkeley und erhielt 1970 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zu Beginn seines dichterischen Schaffens stand Miłosz noch stark unter dem Einfluss der polnischen Katastrophisten. Seine Texte waren rhetorisch im Gestus und zumeist sprachlich überorchestriert. Da läuten Birkenpaare kleine Wolken, und Berge, die auf Ebenen weideten, zieht es zu Meeren, die ihnen als Tränke dient. Später beruhigt sich der Ton merklich, es findet eine sprachliche Ausnüchterung statt. Der gebremste Überschwang bringt Miłosz’ eigentliche Qualitäten als Dichter zum Vorschein. In der lyrischen Evozierung einer scheinbar idyllischen Kindheitswelt gilt sein Augenmerk dem kletternden wilden Hopfen, der blankgeriebenen Klinke aus Holz und dem Grün von Nesseltrieben. Gleichzeitig wird die Dichtung, in moralischen und poetischen Traktaten, in denen die verwickelte polnische Geschichte in Siebenmeilenstiefeln durchschritten wird, zu einem Instrument präziser Zeitdiagnostik. Miłosz bleibt ein politischer Dichter aus Notwendigkeit, obwohl, wie er selbst bekennt, seine Feder leichter sei „als die eines Kolibris“, den er an anderer Stelle als „Kinderkreisel der Lüfte“ beschreibt. Er weiß: „Was groß war, hat sich als klein erwiesen. / Reiche verblaßten wie verschneites Kupfer.“ Ihn bewegt ein emphatischer Glaube an die Kraft der Dichtung („Denn mehr wiegt eine einzige gute Strophe / Als die Last vieler fleißiger Seiten“); für ihn besteht sie in dem Wagnis, das „Leben neu anzufangen in jeder Sekunde“. Im Spätwerk, das sich im Duktus immer mehr der Prosa annähert, rücken metaphysisch-philosophische Überlegungen sowie eine Sehnsucht nach dem Land der Herkunft in den Mittelpunkt: „Wenn es schmerzt, kehren wir zu den Flüssen zurück.“

Die Veranstaltung wird polnisch-deutsch gedolmetscht. Eine gemeinsame Veranstaltung des Haus für Poesie mit dem Polnischen Institut Berlin

In Lesung & Gespräch Julia Fiedorczuk, Hatif Janabi, Michael Krüger
Moderation Karolina Golimowska