Chroniken angekündigter Kriege
Ein Abend mit Oksana Maksymchuk & Svetlana Lavochkina

Lesung
Gespräch
Poets' Corner
Poesiefestival Berlin 2026
Villa Oppenheim
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Oksana Maksymchuk © Natalya Mykhailychenko

Svetlana Lavochkina © Pavel Gitin

An diesem Abend treffen zwei ukrainische Dichterinnen aufeinander, die in ihrem sehr unterschiedlichen Werk beide den Sprachwechsel zum Englischen hin vollzogen haben: Oksana Maksymchuk (geboren 1982 in Lwiw) und Svetlana Lavochkina (geboren 1973 in Saporischschja).

In Tagebuch einer Invasion (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser 2025, deutsche Übersetzung: Matthias Kniep) liefert uns Oksana Maksymchuk die Chronik eines angekündigten Krieges, der dann tatsächlich eintritt. Sie beschreibt die Tage der quälenden Erwartung, in denen die Frage „Sind sie schon hier?“ zum Refrain wird. „Der Feind verspätet sich / ich lese seine Nachrichten / auf dem Handy“, heißt es einmal. Und: „Tägliches Googeln der Nachrichten / um zu erfahren, wie viele Truppen / an der Grenze zusammengezogen werden“. Es folgen die Wochen, Monate, Jahre der Gewissheit, in denen Notfalltasche und Aderpresse zum kostbarsten Besitz werden. Es sind Jahre der „Bittgebete in Ruinen“, der „Wissensübertragung in Zeiten der Besatzung“, aber auch Jahre der Überlebensschuld, in denen verstreute Nachrichten von Verwandten und Freunden eingehen: „Meine Cousine schreibt / sie sei in einem Keller / mit ihrer einjährigen Tochter / ihr Mann eingezogen“. Maksymchuk findet eine lakonisch-präzise Sprache für das, was wir ungenügend als „Grauen“ bezeichnen. „Was die Rakete gemeinsam hat / mit dem Raum voller Kinder / ist ihr gegenwärtiger Standort“. Gleichzeitig gibt es immer wieder ganz unerwartete Erkenntnisse: „Was ich vom Krieg / nicht erwartet hätte: / dass da Musik sein würde“. Tagebuch einer Invasion wurde von der Kritik gefeiert und steht auf der diesjährigen Liste der Lyrik-Empfehlungen.

Svetlana Lavochkinas Langgedicht Carbon (Voland & Quist 2024, deutsche Übersetzung: Diana Feuerbach) ist eine wilde Liebesgeschichte zwischen einem Schmied und einer Linguistin vor dem Hintergrund des sich ankündigenden Krieges im Donbass. Es beginnt in Donezk, dem Zentrum des Kohlereviers in der östlichen Ukraine; es beginnt mit dem vergeblichen Traum eines Bürgermeisters, der Ramme und Halde im Stadtwappen gern eine Rose hinzufügen will. In einer Welt der Halden und Zwergvulkane, die vom „Gebären der Kohle“ dampfen, wächst der feinsinnige Alexander mit „mädchenschmalen“ Füßen im Schatten der Katzenzeche auf. Nach verschiedenen Abenteuern, bei denen ein Hoden verloren geht, eine Aufnahmeprüfung am Polytechnikum bestanden und eine Gefängnisstrafe abgesessen wird, begegnet Alexander der abseits der Zechenkinder aufgewachsenen Lisa. Bevor es dazu kommt, hat sie jedoch ihre eigenen Abenteuer zu bestehen. Sie, die Sprachvernarrte, die Wörter liebt („ein kurzes Reiben, ein winziges Beben – ausgesprochen und schon wieder verschwunden“) und insbesondere dem Englischen verfällt („es regnete neue Sprachschätze für mich“), entkommt unter anderem einem Serienmörder und folgt einer Selbstmordsekte an den Kraterrand eines Vulkans. Das alles ist rasant und wunderbar unprüde, ja zuweilen zotig erzählt, mythensatt und voller Vorahnungen kommender Kriege.

Moderation Irina Bondas

Musik Roman Yusipey

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.

Gefördert durch: Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Lyrik-Empfehlungen 2026, Österreichisches Kulturforum