What Shakespeare did not write about
Poesiegespräch mit Jason Allen-Paisant & Judith Kiros
An diesem Abend treffen zwei Dichter:innen aufeinander: Jason Allen-Paisant (geboren 1980 in Jamaika) und Judith Kiros (geboren 1991 in Schweden), die sich auf jeweils eigene Weise mit einem der berühmtesten Werke William Shakespeares auseinandersetzen: Othello, der Mohr von Venedig.
In seinem zweiten Gedichtband Self-Portrait as Othello (Carcanet 2023) untersucht Jason Allen-Paisant das Erbe einer imperialistischen Vergangenheit anhand der legendären Bühnenfigur, spiegelt deren Lebensstationen in die Gegenwart und formt sie zu einer poetischen Autobiografie um. Dabei rückt er genau das ins Zentrum, was die offizielle Geschichtsschreibung und die shakespearesche Darstellung beharrlich verschweigen oder geflissentlich übergehen. Einmal heißt es: „What Shakespeare did not write about. The story he was unable to tell.” Der Dichter Roger Robinson schreibt, es gehe in den Gedichten nicht nur um die Herausbildung eines literarischen Selbst, sondern um eine eindringliche Erzählung vom Körper und seiner visuellen Geschichte. Allen-Paisants Sprache ist von großer lyrischer und analytischer Kraft: „Nothing makes sense until it makes sense in the body, till the body is present at the making-sense.” Es geht um die Fetischisierung eines schwarzen Körpers und gleichzeitig um dessen Auslöschung: „The Moor remains invisible, despite the obsession with his body.” Allen-Paisant liest aus Self-Portrait as Othello und stellt bisher unveröffentlichte Gedichte aus seinem kommenden Band Snow vor.
Die schwedische Dichterin Judith Kiros nähert sich dem Othello-Komplex in ihrem gefeierten Debütband O auf ähnliche Weise, allerdings mit anderen poetischen Mitteln. Es ist ein gattungssprengendes Buch, das alle Register zieht: vom hohen lyrischen Ton über dialogisches Sprechen bis hin zu essayistischen Passagen, die das Phänomen „Othello“ aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. „Over the course of the play people are forced back into their bodies, again and again. This is what we call a tragedy. The stage is a black frame, then white, then splattered with blood“, heißt es einmal, und etwas später: „Race and sexuality appear as projections, playing over the players like dark light. Through other eyes, the white woman becomes impure; the black man becomes the Moor.” Kunstvoll dekonstruiert Kiros Jagos rassistische Invektiven vom „schwarzen Widder“ und der „weißen Aue“, präsentiert Stage, Singing and Swimming Lessons sowie Schwedischunterricht für Immigrant:innen. Der Schriftsteller John Keene beschrieb Kiros’ ungewöhnliches und höchst effektives Verfahren als „riffing on Shakespeare’s Othello and ranging across all manner of the poetic and critical“. Judith Kiros liest aus O sowie Gedichte aus ihrem jüngsten Buch.
Die Gedichte der Veranstaltung wurden eigens für das Poesiefestival Berlin übersetzt.
Moderation Léonce W. Lupette
Gefördert durch: Swedish Arts Council
- Jason Allen-Paisant • Judith Kiros
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Ort:
Kuppelhalle, silent green
Gerichtstraße 35, 13347 Berlin
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Eintritt:
9/7 €
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