auf lesbos brennen die zelte
Re-Writing a Canon
„An diesem Abend treten vier Dichter:innen auf, die mit ihren Texten unsere Gewissheiten im Umgang mit dem, was einst als unhinterfragbar klassisch gesetzt wurde, so lustvoll wie subversiv erschüttern.“
Der Kanonbegriff ist für die Literaturwissenschaft so zentral wie umstritten. Er ist definiert als ideelles Korpus von Texten, die innerhalb einer bestimmten Kultur als maßgeblich und normsetzend gelten. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und heißt so viel wie Maßstab oder Richtlinie. Nicht zufällig fand der Begriff zunächst in religiösen Kontexten Verwendung, eine Tatsache, die bis in die Gegenwart nachwirkt, insbesondere wenn man bedenkt, mit welchem Eifer immer noch um die Deutungshoheit bei der Kanonbildung gerungen wird. Der nicht unbegründete Eindruck entstand, dass, zumal der westliche Kanon in der freien Verfügungsgewalt des weißen alten Mannes liegt, dessen notwendigerweise subjektive Sicht auf die Dinge Verfahren eines strukturellen Ausschlusses produziert. An der Unumstößlichkeit des Richtspruchs in Sachen Kanon wurde deshalb gerade in den letzten Jahren berechtigte Kritik geübt. An diesem Abend treten vier Dichter:innen auf, die mit ihren Texten unsere Gewissheiten im Umgang mit dem, was einst als unhinterfragbar klassisch gesetzt wurde, so lustvoll wie subversiv erschüttern.
Jason Allen-Paisant (geboren 1980 in Jamaika) nimmt sich in seinem mit dem T.S. Eliot-Preis ausgezeichneten Band Self-Portrait as Othello (Carcanet 2023) eines der berühmtesten Theaterstücke des Barden von Avon vor und unterzieht es einer antikolonialen Relektüre. Er folgt darin methodisch einem seiner Vorbilder, dem Schriftsteller Aimé Césaire, der in seinem Stück Une Tempête (1969) Shakespeares Sturm umdeutete, indem er aus der ursprünglichen Nebenfigur Caliban eine symbolische Gestalt des kolonisierten Subjekts machte. Allen-Paisants „Neuschreibung“ des Othello-Stoffes ist eine vielschichtige Selbstbefragung über den Umweg einer dekonstruierenden Shakespeare-Studie. Gleichzeitig ist es ein imaginiertes Zwiegespräch mit der fiktiven Figur Othello, das so beginnt: „How could I resurrect you to speak, / when your burial is in no ground / that I can pilgrimage to“? Wenig später heißt es: „I feel sometimes / that our destinies conjoin, that your life, / unfinished, is lived through mine.“ Allen-Paisant erzählt die Geschichte eines verdrängten Rassismus: „When he wrote Othello, the slave trade had been happening for seven decades, with the Pope's blessing.“ Bei ihm kommt zur Sprache, was Shakespeare verschwieg. „I'm haunted as much by the character Othello as by the silences of the story.“ Der Dichter Roger Robinson urteilte über das Buch: „Von brillanter Einsicht und eindrucksvoller Lyrik getragen, gewinnt das Werk in seinen Bewegungen von Othello zum Selbst und wieder zurück eine bemerkenswerte emotionale Wucht.“
Die jamaikanische Dichterin Lorna Goodison (geboren 1947 in Kingston) legt mit Dante’s Inferno: A New Translation (Carcanet 2025) trotz des Titels, der anderes vermuten lässt, keine konventionelle Übersetzung des ersten Teils der legendären Göttlichen Komödie von Dante Alighieri vor; es handelt sich vielmehr um einen funkelnden Hybrid zwischen Übertragung, Adaption und postkolonialer Neuschreibung. Die berühmten Eingangsverse, die den Dichter in seiner Lebensmitte verloren in einem dichten Wald zeigen, klingen bei ihr als ungereimte Terzine so: „Halfway tree. The journey of our life found me / there at midnight in a ramshackle state, / for to tell you the truth my feet had strayed.“ Besonders bemerkenswert ist, dass Goodison analog zu Dantes Verwendung des Florentiner Italienisch (statt des damals üblichen Lateins) Patois verwendet und dabei eine dezidiert karibische Perspektive einnimmt. Die Rolle des Cicerone, des sachkundigen Reiseführers durch die Unterwelt, übernimmt hier nicht etwa Vergil, sondern die jamaikanische Dichterin Louise Bennett-Coverley („Miss Lou, the fountainhead of Inspiration“), die sich vorstellt mit den Worten, die von Anfang an den Ton dieser von der Kritik als bahnbrechend gepriesenen Version vorgibt: „Me was a little gal / pickney when I wish upon a star fi the gift fi write / poetry that praise mi people inna wi own Jama tongue.“
Wie Jason Allen-Paisant nähert sich die schwedische Dichterin Judith Kiros (geboren 1991 in Schweden) der Figur des Othello. Ihr Gedichtband O weist für ein Debüt eine ungewöhnlich große künstlerische Reife und Souveränität auf, welche die Kritik mit großem Respekt würdigte. Die Schriftstellerin Maaza Mengiste schrieb: „O ist anders als alles, was Sie je gelesen haben. Eine Neuinterpretation eines klassischen Textes und ein Aufbegehren gegen seine vielen Implikationen.“ In fünf Teilen, in denen vom Drama bis zum Essay mit unterschiedlichen Gattungen gespielt wird, zerlegt Kiros das berühmte Stück und bringt es, indem sie es jeweils neu zusammensetzt, auf einen radikal neuen Stand. Gleich am Anfang, in einer kurzen dialogischen Szene, lässt sie ihren Othello sagen: „Als ich zum ersten Mal hierherkam, musste ich einen Staatsbürgerschaftstest ablegen. Weil dies Venedig ist, wurde ich gebeten, alles aufzuschreiben, was ich mit Wasser verbinde. Ich schrieb Zeit und Tränen und Urin und Durst und Furcht und Ertrinken und Handel und Umarmung und Flucht und Soldaten und Salz und Silber.“ In essayistischen Passagen, die auf lyrische Miniaturen folgen („pressed just so / to the eye's O / becoming / happens fast now“), geht Kiros den rassistischen Nebenbedeutungen nach und beschäftigt sich mit der historischen Aufführungspraxis von Othello: „Als der weiße Brite John Coleman im London des neunzehnten Jahrhunderts O spielte, beschrieb er, wie die Figur von ihm Besitz ergriff; so sehr, sagte er, dass schwarze Schminke aus seinen Poren zu ‚sickern‘ schien. Er hinterließ Handabdrücke auf weißen T-Shirts.“
Anna Julian Mendlik (geboren 1986 in Hannover) mischt in dem neuen Gedichtband Dante im Darkroom (Verlagshaus Berlin 2026) unter anderem Texte von Sappho, Ovid und dem schon im Titel genannten Autor der Göttlichen Komödie auf. Zum Einsatz kommen Techniken des sogenannten Queering, mit deren Hilfe heteronormative Erwartungshaltungen hinterfragt, ja pulverisiert werden; ein Sprengsatz im Textmassiv des westlichen Kanons. Nebenbei ist das Buch eine Kampfansage an die Prüderie im deutschen Gedicht. Ein „dictionnaire in der Diktion der Lüste“ mit Spanking, Fisting, Cunnilingus und Dirty Talk. In den Texten tummelt sich das Personal aus Paradies, Hölle und Mythos. Eine Chronik von „Theseus bis Bezos“. Die Leser:innen begegnen Eva im „gerippten Shirt“, dem „sweet pussyboy“ Antinoos und einer Daphne, die Apollo verschmäht und lieber bei Diana bleiben will. Arachne, weniger peinlich als Spider-Man, sendet antike MeToo-Berichte, Orpheus verwandelt sich in eine Sängerin, Pluto in einen Incel und Sisyphus in einen leidensbereiten SM-Sklaven. Das Bad läuft über mit Metaphern, und „auf Lesbos brennen die Zelte“. Außerdem erfährt man Lehrreiches über die Verwandtschaft von Rom und Eros und über den Paradiesapfel mit „Bio-Siegel und Fair Trade“, z. B. über den proportionalen Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Zuckergehalt. Unterlegt ist das Ganze mit einem Soundtrack „auf dem Tablet aus der Teeniezeit“: Ne me quitte pas, Don’t Leave Me This Way, It’s a Sin.
Die Gedichte des Abends wurden eigens für das Poesiefestival Berlin übersetzt.
Moderation Asmus Trautsch
Die Veranstaltung wird Englisch-Deutsch gedolmetscht.
Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen
Gefördert durch: Swedish Arts Council
- Jason Allen-Paisant • Lorna Goodison • Judith Kiros • Anna Julian Mendlik
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Ort:
Kuppelhalle, silent green
Gerichtstraße 35, 13347 Berlin
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Eintritt:
14/9 €
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