Tanzt die Orange
100 Antworten auf Rilke

Lesung
Gespräch
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Der Geburtstag von Rainer Maria Rilke (geboren 1875 in Prag, gestorben 1926 bei Montreux, Schweiz) hätte sich im Dezember dieses Jahres zum 150. Mal gejährt. Er ist der große Exportschlager der deutschsprachigen Lyrik. Gerade im angloamerikanischen Raum ist an ihm und seinem Werk kein Vorbeikommen. Hierzulande, in zuletzt pathosfernen Zeiten, machte sich jedoch die Tendenz bemerkbar, zumal unter Dichter:innen, den berühmten Rilke-Sound zu belächeln, wenn nicht gar über ihn zu spotten. Zeit für ein Projekt der ungewöhnlichen Art: die Anthologie Tanzt die Orange (Hanser Berlin 2025), herausgegeben von Norbert Hummelt und Jan Wagner.

Dem Band ging ein Aufruf an deutsche Lyriker:innen voraus, Gedichte des Meisters ins eigene Idiom zu übersetzen. Eine Übertragung vom Rilke-Deutsch ins Deutsche. Insgesamt 75 Autor:innen kamen dem Auftrag nach, der an sie erging, nahezu alles, was in der Gegenwartslyrik Rang und Namen hat (von Marcel Beyer über Ulrike Draesner bis hin zu Marion Poschmann). Das Ergebnis ist erwartbar vielstimmig und selbst für Rilke-Verächter aufregend. Dinçer Güçyeter kauft mit „Rainer-Boy“ Hawaiishirts bei Primark, und Kathrin Schmidt verkehrt das Gedicht „Nächtlicher Gang“ Vers für Vers in sein genaues Gegenteil, dreht es gleichsam auf links. Norbert Lange macht aus Rilkes Siebenter Elegie eine seiner Dummkopfelegien mit Gitarrenriffs, knieenden Ottern und „Metren wie Schmachtfetzen“. Yoko Tawada überführt die„Winterlichen Stanzen“ in 12 Haikus („Übermaß an Nichts / Die Natur ist irdisch leer / Du tust so als ob“), und bei Yevgeniy Breyger mündet das Rilkesche „dort“ gar in einen „Mord“. Bei Titus Meyer wird aus „Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehen“ ein Anagrammgedicht, dessen letzter Vers lautet: „Oh, du Sack, schlag mein Hirn aus, ich ende nie!“ Uwe Kolbes Antwort-Gedicht auf „Du, Nachbar Gott“ hebt an mit der Zeile: „Von Rilke hätte ich das nicht gedacht.“ Herausgekommen ist, rechtzeitig zum Geburtstag, eine Rilke-Anthologie, wie es noch keine gab. Die beiden Herausgeber stellen gemeinsam mit den Dichterinnen Kathrin Schmidt und Yoko Tawada das Buch vor und lesen ihre Lieblingsgedichte.

In Lesung & Gespräch Kathrin Schmidt, Yoko Tawada
Moderation Norbert Hummelt, Jan Wagner