The way our sadness is plural, but grief is singular
Writing Grief
An diesem Abend kommen vier Dichter:innen zusammen, die in ihren Texten individueller und kollektiver Trauer eine Sprache zu geben suchen; die danach fragen, wie sich Verlusterfahrungen in Sprache und Körper einschreiben und wie im poetischen Sprechen aufbewahrt werden kann, was sich dem Verstehen entzieht.
„There must be a way of drawing a picture so that it doesn’t become an elegy“, schreibt Victoria Chang (geboren 1970 in Detroit, USA) in ihrem Gedichtband OBIT (Copper Canyon Press 2020), der für die Longlist des National Book Award in Poetry nominiert wurde. Anstelle der Elegie, der klassischen poetischen Form der Trauerlyrik, schreibt Chang nach dem Tod ihrer Mutter mehr als 70 Nachrufe (englisch: obituaries), in denen sie all das, was sie in der Welt verloren hat, betrauert und gleichzeitig die allumfassend scheinende Trauer sprachlich einzufangen, in kleineren Verlusteinheiten zu ordnen sucht: die Mutter, den Vater (seit einem Schlaganfall nicht mehr er selbst), die Zähne der Mutter, die Sprache, das Zuhause, Freundschaften – sie selbst, Victoria Chang, die gleichzeitig ihren eigenen Kindern beim Wachsen und den Eltern beim Sterben zusieht und weiß, sie muss hoffnungsvoll bleiben: „I am trying to / end this poem with hope, hope, hope, / see how the mouth stays open?“
Der irische Dichter Seán Hewitt (geboren 1990 in Warrington, UK) steht derzeit mit seinem gefeierten Coming-of-Age-Roman Open, Heaven (Jonathan Cape 2025), in deutscher Übersetzung: Öffnet sich der Himmel (Suhrkamp Verlag 2025), auf der Shortlist des Dylan Thomas Prize. An diesem Abend liest er aus seinen beiden Gedichtbänden, Tongues of Fire (Jonathan Cape 2020) und Rapture’s Road (Jonathan Cape 2024), in denen Verlust und Sterblichkeit, vor allem die Trauer um den an Krebs verstorbenen Vater, ein zentrales Thema bilden. Jedoch sind es Gedichte, die aus postkatastrophaler Perspektive sprechen und sich, trotz der Schwere der empfundenen Trauer, hoffnungsvoll auf einen größeren mythopoetischen Zusammenhang einschwören: „In this world, I believe / there is nothing lost, only translated“. In stiller Gewichtigkeit entfalten sie einen immersiven Sog und finden Verbundenheit, Trost und Erdung in der Natur: „when all is done, / and we are laid down in the earth, we might / listen, and hear love spoken back to us.”
„ich gebar das kind früh und stillte das kind zwei jahre lang und er wollte partout nicht sprechen und er rannte und rannte und ich lebte allein“, schreibt Milena Marković (geboren 1974 in Belgrad) im Gedicht mit dem Titel „fuck your cv“ aus der von Peter Urban übersetzten Gedichtsammlung bevor sich alles zu drehen anfängt (Edition Korrespondenzen 2017). In diesem Band und mehr noch in ihrem autobiografisch geprägten Versroman deca (LOM 2021), ausgezeichnet mit dem NIN-Preis als bester Roman des Jahres und in deutscher Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann unter dem Titel Kinder (Edition Korrespondenzen 2025) erschienen, verwebt Marković eindrücklich die Traumata ihrer gewaltgeprägten Jugend im Jugoslawien der 80er und 90er Jahre, Drogenexzesse, das Zusammenleben mit der dementen Mutter und dem kognitiv beeinträchtigten Sohn. Melancholisch, aufsässig, klagend, oft schmerzhaft aufrichtig beschreibt sie, wie das Leben zwischen den Fingern zerrinnt „und wir sind immer noch keine menschen sondern / nur schreckliche kinder“.
Bianca Stone (geboren 1983 in Vermont, USA), Poet Laureate von Vermont, liest an diesem Abend aus ihren beiden jüngsten Bänden, The Near and Distant World (Tin House 2026) und What is Otherwise Infinite (Tin House 2022), in denen das Nachdenken über Trauer eine zentrale Rolle einnimmt. Dabei geht es jedoch weniger um einen konkreten Verlust als vielmehr um eine existentielle, allgegenwärtige Form der Trauer über die Unmöglichkeit des Bewahrens – das „benumbed spectacle of historic grief“, wie Stone in „The Translation Elegies“ schreibt, einem von vielen Gedichten, in denen sie sich auf Rilkes Elegien bezieht. Die Frage, ob Dichtung ein Ort der Aufbewahrung sein kann oder ob ihre Unzulänglichkeit, die Dinge festzuhalten, nicht deren Vergänglichkeit erst schmerzlich offenbart, veranschaulicht Stone eindrücklich am Beispiel des Bildhauers Rodin: „How when a face emerged out of nothing / in his obsessive work, that what was hidden / in the stone was lost, once it was carved into something.“
Moderation Irina Bondas
Die Veranstaltung wird englisch-deutsch gedolmetscht.
Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen
Gefördert durch: British Council, Culture Ireland, Traduki
- Victoria Chang • Seán Hewitt • Milena Marković • Bianca Stone
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Ort:
Betonhalle, silent green
Gerichtstraße 35, 13347 Berlin
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Eintritt:
14/9 €
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