Gods in the bronze attic throw themselves into mortal poses
Writing Myth

Lesung
Gespräch
Poesiefestival Berlin 2026
Kuppelhalle, silent green
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Linnea Axelsson © Daniel Pedersen

Ulrike Draesner © Mellie Wang

Sasha Dugdale © privat

Clara Elena García © privat

Die Mythen sind der Stoff unserer urältesten Träume, bevölkert mit Göttern, Halbgöttern, Gestaltenwandlern und Normalsterblichen; unter ihnen Jenseitsreisende und Himmelsstürmer – allesamt Gestalten, die einwanderten in das kollektive Unterbewusstsein der Menschen, dort immer noch nisten und ihre untilgbaren Spuren hinterließen. Es sind sinnstiftende Deutungen der Wirklichkeit, in denen sich verdrängte Geschichte variantenreich zum Plot verdichtet. An diesem Abend treffen vier Dichter:innen aufeinander, die Mythen auf je unterschiedliche Weise produktiv machen in ihren Texten.

Die schwedisch-samische Dichterin Linnea Axelsson (geboren 1980 in Porjus (Bårjås) in der Gemeinde Jokkmokk, Nordschweden) wurde vor einigen Jahren international berühmt mit ihrem Langgedicht Ædnan (Albert Bonniers Förlag 2018). Im letzten Jahr erschien ihre jüngste Sammlung: Sjaunja (Albert Bonniers Förlag 2024; der Titel bezieht sich auf ein nordschwedisches Moor- und Naturgebiet). Getragen von einem ruhigen, meditativen Ton, ist es ein im Vergleich intimeres Buch als der Vorgänger. Axelsson wechselt kunstvoll die Ebenen zwischen Gegenwart, Erinnerung und Mythos. Sie schreibt über das Liegen bei den Füchsen und das Gebären in zwei Sprachen, geht der Frage nach, wie Unendlichkeit schmeckt. Zum Personal des neuen Bandes gehören die drei Töchter der samischen Muttergöttin Madderakka: Sáráhkká, die Frauen bei Schwangerschaft und Geburt beisteht, Juoksáhkká, die über das Geschlecht des ungeborenen Kindes entscheidet, und Uksáhkká, die sogenannte Tür-Göttin, unter deren Schutz Haus und Familie gestellt sind. An einer Stelle lässt Axelsson Sáráhkká sagen: „Ich war jemand, mit dem man rechnen musste. / Man konnte sich auf mich stützen wie eine Urkraft. [...] Dann wurde ich zum Aberglauben. / Dann wurde ich zu einer Geschichte, danach zu einem Bild und einer Erinnerung.“

Ulrike Draesner (geboren 1962 in München) schreibt mit penelopes sch( )iff (Penguin Verlag 2025) kurzerhand die homerische Odyssee neu und legt dabei das Hauptaugenmerk auf die weiblichen Figuren. Ein gegen den Strich gebürsteter Mythos. Sie selbst verwendet die Gattungsbezeichnung Postepos und erklärt in einer Vorbemerkung: „Vor allem aber wollte ich von Penelope erzählen in jenem dunklen Raum, in dem üblicherweise nur noch der Abspann läuft. Im Danach.“ Draesner reiht sich damit in eine stolze feministische Tradition ein, zu der unter anderem Margaret Atwood, Anne Carson, Alice Oswald und Barbara Köhler gehören. Außerdem bezieht sie sich ausdrücklich auf die kongeniale Neuübersetzung der Odyssee von Emily Wilson, die das Original entschlackt und einem zeitgenössischen Publikum ganz neu zugänglich gemacht hat. Draesner beschreibt „eine welt im wind“, in der gleichzeitig ein Bruch mit dem klassischen Mythos vollzogen und ein schwesterlicher Aufbruch aufs Meer unternommen wird: „penelope navigiert / nach dem sternbild / der nördlichen kuh / während unsere / kälbchen (so zart wie / ihr bries) die nüstern blähen / gegen die schaumige / gischt.“

Für die britische Dichterin und Übersetzerin Sasha Dugdale (geboren 1974 in Sussex) sind Mythen ein Prisma, durch das wir die Vergangenheit sehen und die Gegenwart deuten können. In ihrem jüngsten Band The Strongbox (Carcanet Press 2024) versetzt sie das mythische Personal des Trojanischen Krieges in die nicht minder gewalttätige Gegenwart. Die Leser:innen begegnen der seherisch begabten Kassandra („I prophesied to die on the spot – / but got that one wrong“) und immer wieder der von Paris entführten Helena, über deren Geburt – sie schlüpfte aus einem Ei, das Leda legte, nachdem Zeus sie in Gestalt eines Schwans geschwängert hatte – es einmal ironisch heißt: „Was she born from an egg / a reptile, the daughter of a whore / a dragon biting the hand that raised her / was she drawn into a barbaric cult / a murderous city kingdom / was it plainly speaking her fault?“ Dugdale nutzt den Mythos niemals als „verlässlichen Wegweiser“, sie schreibt, er trage seine eigene Bewegung in sich, und das sei seine Rettung und zugleich sein Geschenk an uns.

Clara Elena García ist eine in den USA lebende Dichterin aus Paraguay. Seven Legendary Monsters (Moonrise/Revolutionaries Press.2025) ist ihr erstes auf Englisch geschriebenes Buch. Die sieben Monster sind die nach der Geburt verfluchten Söhne, die aus der Verbindung einer Menschenfrau mit einem bösen Geist hervorgegangen sind. Sie heißen: Teju Jagua, Mbói Tu'ĩ, Moñái, Jasy Jatere, Kurupi und Ao Ao. Sie sind der Guaraní-Mythologie entsprungen in einer Epoche lange vor der Kolonialzeit. Es sind moralisch zutiefst ambivalente Halbwesen, die am Rande der menschlichen Zivilisation in Wäldern, Höhlen und Sümpfen hausen. Sie sehen derartig furchterregend aus, als wären sie geradewegs H. R. Gigers Giftschrank entlaufen. García enthält sich in ihrer Annäherung an die Monster jeglichen moralischen Urteils; sie leiht ihnen vielmehr die eigene Stimme und schildert sieben jeweils radikal-subjektive Sichtweisen auf die Welt. Den Siesta-Geist Jasy Jatere, der Kinder in den Wald lockt, lässt sie beispielsweise sagen: „I do not / mean to / cause them / harm but / soledad / sparks my / curiosity and / my heart leads me astray”.

Die Gedichte von Linnea Axelsson, Sasha Dugdale und Clara Elena García wurden eigens für das Poesiefestival Berlin ins Deutsche übersetzt.

Moderation Ana Rocío Jouli

Die Veranstaltung wird englisch-deutsch gedolmetscht.
Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen

Gefördert durch: Swedish Arts Council